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Der Ruhepunkt des Meeres
1996
Literatur
Deutsch
64 Seiten
0 EUR
3-92908532-1

Gedichte. Fadengeheftet. Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin.
ISBN-13: 978-3-929085-32-7

Leider bereits vergriffen!

Finsternisse II

Wer ohne Erzählung ist, flieht in einen Tag
mit der Pose von Tagesfluchten

Wer ohne Vergangenheit ist, ist vergangen
Der Abend kehrt Möwen in ein abstraktes Buch

Auf der Isolierstation wird jeder zum Narr
wähnend, mehr noch als Fleisch Fragment zu sein

Fragment aus Glas, ein Gebein zersplittert peripher
Fragment fauliger Zungenwurzel,
ein Abend rinnend, um auszurinnen

Ratten treten sich wund mit spitzem Schrei
Jeder Tag schreckt einen anderen auf

In derselben Nacht eine Erzählung ohne Mensch
nochmals zu erzählen, unmöglich, sagt die Finsternis.


***

«Meine Heimat sind meine Gedichte.»

«Der Ruhepunkt des Meeres» ist der zentrale Gedichtzyklus von Yang Lian aus den Jahren nach 1989, dem Jahr, als Yang Lian China verließ. Er hat seither in vielen westlichen Ländern gelebt, ein Gast auf Zeit, geschätzt, doch immer im Bewusstsein der Ruhelosigkeit. In dem Zyklus werden wesentliche Elemente seines Schreibens berührt: die Spannung zwischen Bewegung und Stillstand, das einander Bedingen von Leben und Tod, die Erfahrung von Fremdheit, das Sehen, die Erinnerung.

«Ich glaube nicht an das ‚Neue’, ich glaube an die ‚Tiefe’», schrieb Yang Lian vor kurzem in den «documenta 10 ducuments». Als Dichter geht es ihm darum, Form und Inhalt in einem Gleichgewicht zu halten. Der Sog der Bilder und die formale Strenge halten sich die Waage, die Konfrontation von Klassik und Moderne, Mythos und Gegenwart löst sich auf zu einem einzigartigen Miteinander.

Der Dichter Yang Lian ist im deutschen Sprachraum erstaunlich präsent. Drei Gedichtbände erschienen zwischen 1978 – 1994, im vergangenen Jahr folgte der Essayband «Geisterreden». «Der Ruhepunkt des Meeres» vereinigt neben dem Titel gebenden Zyklus weitere Zyklen und thematische Gruppen von Gedichten (u. a. «Finsternisse», «Ein Haus wie ein Schatten», «Der Schlangenbaum»). Die Zusammenstellung geht auf eine von Yang Lian vorgenommene Auswahl aus dem noch unpublizierten Werk «Fehlanzeige» (Quexi, wörtlich abwesend) zurück. Die Gedichte wurden zwischen 1992 und 1993 verfasst. Hinzugefügt wurden drei Gedichte aus seiner Stuttgarter Zeit auf der Solitude.

***

Wolfgang Kubin zu «Der Ruhepunkt des Meeres»:

«Die Erfahrung des Exils hat Yang Lian, der heute kein chinesischer Staatsbürger mehr ist, in seinem Werk mehrfach thematisiert, vor allem in dem von ihm als so wichtig eingestuften Zyklus «Der Ruhepunkt des Meeres».

Was hat das Meer mit dem Exil zu tun? Für Yang Lian (...) wird das Meer, wie er in den «Geisterreden» schildert, zur Erfahrung nach 1989: Auckland, Sydney, New York, diese und alle weiteren Stationen seines Lebens im Ausland haben etwas mit dem Meer zu tun, einem Meer, das im Gegensatz zu seiner ruhelosen Existenz die Ruhe zu bewahren scheint.

So wird 1993 der Blick von einem Felsen auf das Meer vor Australien zum Auslöser für den ersten Vers des Zyklus, als alles das viel beschworene Ende zu haben scheint, die Erde, der Augenblick, das Hier und das Jetzt; ja selbst das Meer, das keinen eigentlichen «Ruhepunkt» kennt, meint zumindest im Imaginären innehalten zu müssen.

Yang Lian legt viel Wert auf den bewussten Umgang mit Sprache. Und so ist auch dieser Zyklus bewusst durchkomponiert. Yang Lian spricht von einem «Raum-Gedicht», das musikalisch gefasst sei, eine Sinfonie im Ganzen, je eine Sonate in den vier Teilen, die zu je drei in sich abgeschlossenen Gedichten gefasst seien. Dabei fallen den drei Gedichten unterschiedliche Funktionen zu. Das jeweils erste gebe das Thema vor, das jeweils dritte entwickle es weiter und schließe es ab, während das zweite unabhängig ein eigenes Thema verfolge. Alle zwölf Texte sind eng miteinander verwoben, sei es inhaltlich durch Leitmotive wie Zeit, Tod, Sprache, sei es linguistisch durch Passivkonstruktionen oder durch die Verörtlichung von Erfahrungen.»