{"id":45462,"date":"2026-07-31T10:24:21","date_gmt":"2026-07-31T08:24:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/?p=45462"},"modified":"2026-07-31T11:29:52","modified_gmt":"2026-07-31T09:29:52","slug":"deleted-scenes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/deleted-scenes\/","title":{"rendered":"Deleted Scenes"},"content":{"rendered":"","protected":true},"excerpt":{"rendered":"","protected":true},"author":16,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":"","_members_access_role":[],"_members_access_error":""},"project":[],"project_type":[],"class_list":["post-45462","post","type-post","status-publish","format-standard","post-password-required","hentry"],"acf":{"bgcolor":"","bgcolor_custom":"","custom_color_css_variable":"","content_type":[{"acf_fc_layout":"content_txt","_acfe_flexible_layout_title":null,"acfe_flexible_layout_title":"Text","bgcolor":"","bgcolor_custom":"","layout_col_size":8,"txt_cols":"is-1-txtcol","txt":"<span class=\"has-font-maison-neue\" style=\"font-family: 'Maison Neue';\">Schon lange fand die Autorin Marie Gamillscheg es schade, dass bei der Arbeit an einem Roman viele Szenen und Gedanken in der \u00dcberarbeitung herausfallen und in den Notizb\u00fcchern oder Ordnern am Computer verschwinden. W\u00e4hrend ihres Stipendiums an der Akademie Schloss Solitude stellte sie deshalb bei einer Lesung im Solitude-Soir\u00e9e im Literaturhaus Stuttgart die Idee der \u00bbDeleted Scenes\u00ab vor. Die kurzen Szenen wie im Film im Abspann oder fr\u00fcher noch auf den DVDs, die es nicht in den Hauptfilm geschafft haben, aber als geheime Sch\u00e4tze zumindest eine kleine B\u00fchne bekommen, auf der sie kurz auftanzen k\u00f6nnen. Man k\u00f6nnte sie auch Studien der Begegnung nennen. In den folgenden Szenen untersucht Marie Gamillscheg, wie Menschen sich begegnen, wie ein Fremder zum Bekannten wieder und umgekehrt.<\/span>\r\n\r\nEine erste Begegnung ist ein fragiles Gut. Kostbar, fl\u00fcchtig, kaum zu h\u00fcten. Schon allzu bald wirft sich die Erinnerung \u00fcber sie und archiviert, ordnet sie ein, macht sie zum Prolog aller weiteren Begegnungen. Das Chaos des ersten Treffens weicht der hauseigenen Logik, die der Erinnerung innewohnt. Unm\u00f6glich, sich zu erinnern, wie es einmal gewesen sein muss, einem lieben Freund als Fremden gegen\u00fcbergestanden zu sein. Ob man zuerst das Lippenbei\u00dfen bemerkte oder ob man sich an den nerv\u00f6sen Augen st\u00f6rte. Oder wo sind die anf\u00e4nglichen Fehleinsch\u00e4tzungen auf dem Weg geblieben, das Gef\u00fchl, dass eine Stimme oder ein Name nicht zum Kopf passt? Welche Verliebte kann schon sagen, dass dieses Gesicht gegen\u00fcber einmal verzichtbar gewesen ist?\r\n\r\nEs muss an den Augen liegen, denke ich heute. Steht man einem Fremden gegen\u00fcber, von dem man noch nichts wei\u00df, sieht man auch zum ersten Mal seine Augen, die wie die eigenen auch Augen sind, die sehen und tr\u00e4nen und manchmal blinzeln m\u00fcssen. Oder es liegt schlicht daran, dass der Fremde, der man selbst ist, in diesem Moment noch nichts wissen, sondern nur schauen kann.\r\n\r\nIn jener Nacht oder in der Nacht zuvor oder in allen N\u00e4chten sah ich zwei H\u00e4nde.\r\n\r\nSobald die Sonne unterging, stiegen die Temperaturen nicht mehr sprunghaft in die H\u00f6he, aber sie sanken auch nicht unter drei\u00dfig Grad herab. Sie blieben stetig. Ich lag im Bett und die Hitze umarmte mich von allen Seiten. Sie fasste mir unter die Achseln, zwischen die Beine, massierte mir die Kopfhaut. Ich sprang auf und riss das Fenster auf, lehnte mich hinaus in die Stra\u00dfe, doch die Hitze war schneller gewesen, sie wartete schon auf mich. Da sah ich die beiden H\u00e4nde.\r\n\r\nSie geh\u00f6rten einem jungen Paar, einem Paar Menschen vorerst, die beiden gingen schnell, aber nicht eilig. Sie schienen mehr dringend an einen Ort zu wollen, als dorthin zu m\u00fcssen. Sie unterhielten sich. Er sagte etwas, sie sagte etwas, ich sah die Frau lachen, nur die Frau, weil sie rechts von ihm ging und so ihren Kopf auch mir zuwandte, ohne es zu wissen. Es war mitten in der Nacht. Niemand war mehr unterwegs, einzig die Stra\u00dfe war wach, kaltorange von Laternen ausgeleuchtet. Ich sch\u00e4tzte die beiden auf Anfang Zwanzig, vielleicht Mitte Zwanzig. Da war etwas an seinem h\u00fcpfenden Schritt, an ihrer steifen Kopfhaltung und der gl\u00e4nzenden Ledertasche, mitten in der Nacht: Sie kannten sich noch nicht lange, aber sie sahen sich auch nicht zum ersten Mal. Aber vor allem musste ich auf ihre H\u00e4nde schauen. Ihre linke Hand, seine rechte Hand. Sie baumelten neben den K\u00f6rpern, bewegten sich im Rhythmus ihrer Schritte mal ein wenig vor, dann wieder zur\u00fcck. Da ber\u00fchrte ihr Zeigefinger seine Hand, seine Hand strich \u00fcber ihren Handr\u00fccken, im n\u00e4chsten Schritt hackten sich die Zeigefinger f\u00fcr eine kurzen Moment ein, lie\u00dfen aber sofort wieder voneinander los. Seine Hand bewegte sich ihrer zu, keine Ber\u00fchrung, ihr Zeigfinger und Mittelfinger wollten zu seinen, aber wieder ber\u00fchrten sich die Zeigefinger nur f\u00fcr einen Moment. Handr\u00fccken an Handr\u00fccken. Handfl\u00e4che an kleinem Finger, Mittelfinger und Ringfinger an Zeigefinger. Sie hatten noch die ganze Nacht, aber ich nur noch bis sie in eine der Gassen am Marktplatz einbogen. Doch die H\u00e4nde trauten sich nicht, da wieder Zeigefinger an Zeigefinger, eine kurze Ber\u00fchrung, sie waren schon auf dem Platz. Ich wollte zur\u00fccktreten, das Fenster schlie\u00dfen, damit ihnen die Ber\u00fchrung gelang, doch es war zu sp\u00e4t. Sie w\u00fcrden mich h\u00f6ren. Die Finger hackten wieder ein, einige Schritte wieder nichts, sein Mittelfinger streifte ihren Ringfinger.\r\n\r\nAber dann rutschte ihr die Tasche von der Schulter. Sie blieb stehen und b\u00fcckte sich. Er ging noch einige Schritte weiter, dann hielt auch er an. Sie hob die Tasche auf. Er sagte etwas zu ihr. Sie stand wieder auf, trat zu ihm, sie gingen weiter und jetzt fassten sie sich an den H\u00e4nden. Alle Finger fanden zu den Fingern des anderen, sie hielten sich fest und verschwanden in einer der dunklen Gassen, in der die Haut nicht mehr orangegelb und laternenblass aussah und nur die Augen strahlten, bis jemand eine Entscheidung traf.\r\n\r\nW\u00e4hrend ich \u00fcberlegte, wie ich am n\u00e4chsten Tag Toma davon erz\u00e4hlen w\u00fcrde, schlief ich ein. Als ich sp\u00e4ter in der Nacht noch einmal aufwachte, wusste ich nicht, was mich geweckt hatte, ich konnte mich auch an keinen Traum erinnern. Auf einmal \u00fcberkam mich der Gedanke, dass ich mir alles nur eingebildet hatte, das junge Paar, das Spiel der H\u00e4nde, die Hitze der Stra\u00dfe mitten in der Nacht. Ich stand erneut auf, ging zu meiner Kommode und holte die Packung Zigaretten hervor, die ich dort f\u00fcr Notf\u00e4lle deponiert hatte. W\u00e4hrend ich aus dem Fenster rauchte, fragte ich mich, was gravierender w\u00e4re, dass ich mir die Szene nur eingebildet hatte oder dass ich mich in eine Geschichte eingemischt hatte, die nicht die meine war. Das Haus war still, selbst der Boiler rumorte nicht.\r\n\r\nFr\u00fcher, als ich noch j\u00fcnger war, passierte es mir h\u00e4ufig, dass ich in der Handbewegung oder in einem Blick eines Fremden etwas entdeckte, das mich manchmal \u00fcber Monate, Jahre besch\u00e4ftigte. Es war nicht unbedingt ein erotisches Interesse, vielmehr eine pl\u00f6tzliche N\u00e4he, die mich nicht mehr loslie\u00df. Die Beobachtung entwickelte sich schnell zur Obsession, die mich \u00fcber Monate, manchmal Jahre hinweg begleiten konnte und der gegen\u00fcber ich mich wehrlos glaubte. Mehrmals am Tag spielte ich die kurze Begegnung erneut durch, bis die Fremden darin kaum noch sie selber waren, sondern nur noch Spielarten meiner selbst. Als ich das bemerkte, verlor ich das Interesse daran. \u00a0Vielleicht war ich auch einfach zu alt geworden.\r\n\r\nDas Haus war schmal und hoch. Die Fassade zur Dorfseite hin hatte ich letzten Winter renovieren lassen, so war es die Vorschrift, drinnen war es bauf\u00e4lliger, die Schimmelflecken in der Waschk\u00fcche hatte ich nie \u00fcbermalt, das Sofa war abgewohnt, eingesessen, so wie es mir gefiel. Dass das Mutterhaus einmal das B\u00fcrgermeisterhaus gewesen war, hatte ich erst von der Reiseleiterin erfahren, die mit einer Gruppe vor dem Haus gehalten hatte. Ich stand oben auf dem Balkon und klippte Unterhosen an die W\u00e4scheleine, unten auf dem Platz sprach die Reiseleiterin in meiner Muttersprache, nicht der ihren. Doch sie pflegte die Worte besser als ich, sie klangen geschliffen und artikuliert, zugleich widerst\u00e4ndiger als ich sie kannte. Bevor in diesem Haus der B\u00fcrgermeister lebte, war hier ein Fischladen im Erdgeschoss gewesen, erz\u00e4hlte die Reiseleiterin, die Familie hatte im ersten Stock gelebt, der zweite Stock war untervermietet.\r\n\r\nEin Haus, in dem zwei Menschen lebten, war ein g\u00e4nzlich anderes als ein Haus f\u00fcr eine Person, auch wenn es dasselbe Geb\u00e4ude war.\u00a0 Es bestand nicht mehr aus seinen R\u00e4umen, die man zuvor zur Wiedererkennung und Einordnung noch wie Gliedma\u00dfen aufgez\u00e4hlt hatte, auch die T\u00fcren hatten nicht mehr jene Wichtigkeit, die man ihnen einmal einger\u00e4umt hatte. Ein Haus f\u00fcr zwei Personen bestand aus seinen Fluren und Treppen, aus den Wegen zwischen den R\u00e4umen. Die Geschichten, die das Haus erz\u00e4hlte, blieben dieselben, doch das Verh\u00e4ltnis zu ihnen ver\u00e4nderte sich, die Erz\u00e4hlerin wurde selbst zur Figur und umgekehrt genauso.\r\n\r\nEin Haus kann sich ver\u00e4ndern. Es kann zu einem Puppenhaus schrumpfen und im n\u00e4chsten Moment wieder zu einem Palast heranwachsen, es kann ein Refugium sein und kurz darauf schon zum Gef\u00e4ngnis werden. Es kann Hochzeiten sowie Gerichtsverfahren beherbergen. Ein Haus kann die Welt vor der T\u00fcr aussperren und bald darauf sitzt sie in jeder Holzritze. Es k\u00f6nnen Bewohnerinnen verschwinden und andere Bewohner besetzen es Jahrtausende.\r\n\r\nDas Merkw\u00fcrdige am \u00c4lterwerden war, dass jede Begegnung mich erinnern konnte. An eine alte Bekanntschaft oder an die Person, die ich selbst in dem Alter gewesen war beziehungsweise h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, meist wusste ich nicht an wen davon. Es war mir auch nicht wichtig und ich dachte gar nicht daran, dass es irgendjemand anderem wichtig sein k\u00f6nnte."},{"acf_fc_layout":"content_img","_acfe_flexible_layout_title":null,"acfe_flexible_layout_title":"Bild(er)","bgcolor":"","bgcolor_custom":"","layout_col_size":6,"img_gallery":false,"img":[45480],"img_gallery_format":false},{"acf_fc_layout":"content_txt","_acfe_flexible_layout_title":null,"acfe_flexible_layout_title":"Text","bgcolor":"","bgcolor_custom":"","layout_col_size":8,"txt_cols":"is-1-txtcol","txt":"<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Die Ger\u00e4uschemacherin und ich hatten damals beide noch nichts mit Theater zu tun, doch wir kannten jede Menge Theatermenschen und gingen auf alle Premieren, zu denen wir eingeladen wurden. Es war lange her. An einem Abend, der damals einer von vielen gewesen und mittlerweile mehr eine Geschichte als eine Erinnerung geworden war, fanden wir uns so auf einer Premierenfeier in einer Diskussion \u00fcber die Beziehung zwischen Publikum und B\u00fchne im zeitgen\u00f6ssischen Theater wieder. Zu jener Zeit gelangte ich h\u00e4ufig in Situationen, in denen ich nicht wusste, wie mir geschah und wie ich in sie hineingeraten war, ich war sehr klein. Zumindest glaubte ich damals, man k\u00f6nnte mich jederzeit in eine Hosentasche stecken und an einem anderen Ort wieder auspacken, wo ich gar nicht hingeh\u00f6rte und dennoch w\u00fcrde ich niemals auffallen.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Die Diskussion hatte mit der harmlosen Bemerkung einer Dramaturgin begonnen, die schlicht eine Ver\u00e4nderung bemerkte, nicht mal bem\u00e4ngelte, doch die Fronten verh\u00e4rteten sich sofort. Die eine Seite warf der anderen vor, sich mit ihrer Forderung nach Publikumspartizipation den Zuschauenden anzubiedern und Theater nach Bestellung machen zu wollen, was unweigerlich dazu f\u00fchren w\u00fcrde, beliebige Unterhaltungsshows zu produzieren. Die andere Seite bezichtigte die erstere des Elitarismus und der Antiquiertheit und was dabei herauskommen w\u00fcrde, w\u00e4re Schultheater, das eine Intellektualit\u00e4t vorgab, aber eigentlich nur stetig wiederk\u00e4ute, was schon seit Jahrhunderten auf B\u00fchnen passierte, und somit uninteressant und irrelevant f\u00fcr die heutige Zeit sei. Beide Seiten brachten, kurz nachdem sie sich gegenseitig als spie\u00dfig bezeichnet hatten, Argumente vor, die sich auf das Theater der griechischen Antike bezogen. Es ging auch hier um die Beteiligung des Publikums, an der sie die Wichtigkeit des Theaters in der Antike ablesen wollten, sie sprachen \u00fcber den Choregos, jene Gruppe, die zu jener Zeit den Theaterchor zusammenstellte, f\u00fcr deren Unterhalt aufkam und oft noch vor dem jeweiligen Dichter in den Inschriften genannt wurde, dar\u00fcber waren sie sich, soweit ich folgen konnte, einig, doch sie sahen das Beispiel jeweils als Argument f\u00fcr ihre Seite, ich verstand nicht ganz warum. Sp\u00e4ter ging es noch um Produktionen, an denen die Menschen am Tisch beteiligt waren, Vergleiche wurden gezogen und verworfen, so ging es hin und her. Je konkreter und pers\u00f6nlicher die gegenseitigen Vorw\u00fcrfe wurden, desto r\u00e4tselhafter war mir, wie f\u00fcr die jeweiligen Menschen die Beziehung zwischen Publikum und B\u00fchne nun tats\u00e4chlich w\u00fcnschenswert war. Die Ger\u00e4uschemacherin und ich tranken unseren Sekt und sagten nichts. Ich hatte auch gar keine Meinung dazu, alle Beitr\u00e4ge waren stimmig und eloquent formuliert. Ich pflichtete nickend mal der einen, dann der anderen Seite bei, ich war von meiner Hosentaschentauglichkeit in jener Zeit so \u00fcberzeugt, dass ich manchmal \u00fcbermutig wurde. Schlie\u00dflich kam der Regisseur am Tisch, dessen St\u00fcck wir zuvor gesehen und beklatscht hatten, auf Tiere und Kinder auf der B\u00fchne zu sprechen. Er musste damals Mitte Drei\u00dfig gewesen sein, ich gut zehn Jahre j\u00fcnger. Alle am Tisch rauchten, ich auch damals noch. Es g\u00e4be eine alte Theaterweisheit, die besagte, dass Kinder und Tiere jegliche Aufmerksamkeit auf der B\u00fchne auf sich zogen, sagte der Regisseur, alles andere, Schauspieler, B\u00fchnenbild seien in dem Moment verloren. Kinder und Tiere h\u00e4tten eine B\u00fchnenpr\u00e4senz, die, weil sie nichts von ihr wussten, unvergleichlich war, ihre Aufmerksamkeit sei flirrend, jedoch gegenw\u00e4rtig und scharf. Sie wussten nicht, dass ein Blick immer schon eine Geschichte war, in der man ganz den Beobachtenden geh\u00f6rte, fuhr er fort, sie geh\u00f6rten niemandem. Dieser Blick, der sich in den Zuschauerraum richtete, war f\u00fcr das Publikum nicht einzuordnen und zu lesen, er war so fremd, dass das Publikum das Gef\u00fchl bekam, dass es mit neuen Augen auf sich selbst schaute.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Die anderen st\u00fcrzten sich gleich darauf. Sie erz\u00e4hlten von B\u00fchnenerfahrungen mit Tieren und Kindern, sprachen daf\u00fcr, sprachen dagegen, verglichen Theater und Zirkus, brachen ab, kamen auf die Ethik des Theaters zu sprechen. Die vom Regisseur angesprochene B\u00fchnenpr\u00e4senz war bald nicht mehr Thema. Es wurde drei, vier Uhr nachts. Nach und nach verabschiedeten sich Menschen aus der Runde. Ich war m\u00fcde und wollte nach Hause, doch schaffte es wie immer nicht, brach erst auf, als es die Letzten taten. Wir waren nur noch zu dritt, in der Theaterkantine wurde schon die St\u00fchle auf die Tische gestellt. Zum Beispiel Schritte, sagte die Ger\u00e4uschemacherin, als wir nach drau\u00dfen in die K\u00e4lte traten. Um das Knistern der Grashalme zu erzeugen, wenn jemand \u00fcber die Wiese ging, verwendete sie Zwiebelnetze. W\u00fcrde sie tats\u00e4chlich die Schritte \u00fcber die Wiese aufnehmen, so w\u00fcrde man das als st\u00f6rendes Hintergrundger\u00e4usch wahrnehmen oder schlimmer noch, es kl\u00e4nge falsch, sagte sie. Erst an der frischen Luft merkte ich, wie betrunken ich war, ich taumelte, der Boden war glatt. Es war eine klirrende, wache Winternacht. Der Regisseur stand einige Meter abseits und rauchte. Ich konnte nicht sagen, ob er nichts mehr mit uns zu tun haben wollte oder auf uns wartete, auch die Ger\u00e4uschemacherin zuckte mit den Schultern. Wir beschlossen noch einen Absacker trinken zu gehen. Wie immer in jener Zeit war kein Weg so m\u00fchsam wie jener allein nach Hause.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Der Regisseur setzte zwar in keinen seiner St\u00fccke, von denen ich beinahe alle gesehen hatte, Tiere oder Kinder ein, h\u00e4ufig jedoch Tiermasken. Die Masken waren aus Papier oder Karton, an Pappstielen befestigt, die Tiere krakelig dahingeworfen oder es waren Ausdrucke aus dem Internet. Oft wellte sich das Papier an den Ecken bereits oder hatte umgeschlagene Kanten. Er wollte mit der Aufmerksamkeit des Publikums sowie mit der antiken Tradition kokettieren, sagte der Regisseur in Interviews.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Erst sp\u00e4ter verstand ich, dass das Spiel mit den Masken eigentlich gar keine Koketterie war, sondern die Sache nur so weit in die Irre f\u00fchrte, dass sie keinen Sinn mehr ergab: Im antiken Theater wurden Masken verwendet, damit auch das Publikum in den oberen Reihen sehen konnten, welche Rolle die Schauspieler auf der B\u00fchne einnahmen. Die antiken Theater waren so gro\u00df, dass man sich nicht darauf verlassen konnte, dass alle Zusehenden Mimik und Worte sehen und verstehen konnten. Die Theaters\u00e4le, in denen der Regisseur seine St\u00fccke zeigte, hatten meist nur wenige Reihen, man konnte von ganz hinten noch jeden lauten Atemzug h\u00f6ren.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Als wir uns scheiden lie\u00dfen, warf ich ihm vor, dass er Bruna nie ein Haustier erlaubt hatte. Unser Zuhause sei keine B\u00fchne, sagte ich. Ich schwieg dar\u00fcber, dass ich genau das bei unserem ersten Treffen in der Theaterkantine so reizvoll fand.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Es war an dem Tag, als die Br\u00fccke wieder ge\u00f6ffnet wurde. Als ich am sp\u00e4ten Vormittag von der Bar nach Hause kam, stand er vor dem K\u00e4fig. Eine kleine Reisetasche in der Hand, leicht vorn\u00fcbergebeugt, wie gegen einen schwachen, aber best\u00e4ndigen Wind gelehnt.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Hielt ich ihn im ersten Moment noch f\u00fcr einen Lieferanten ohne Paket, f\u00fcr einen Klempner, der sich im Haus geirrt hatte?<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-reckless-light\" style=\"font-family: 'Reckless Regular';\">Es war noch nicht Mittag, aber fast. Der Himmel war leergefegt, wei\u00dfblau. Die Sonne war nicht mehr als Kreis auszumachen, sondern hatte sich fl\u00e4chig \u00fcber die ganze Lagune gest\u00fcrzt. Es war hei\u00df. Der junge Mann stand da, als wartete er darauf, dass ihn jemand abholte, nicht wissend, wer oder wann genau, doch jederzeit. Ich sah ihn, er sah mich nicht, es f\u00fchlte sich verboten an. Ich blieb in der Mitte des Platzes stehen.\u00a0 Er trug ein dickes Hemd und eine helle Leinenhose, schien dabei aus demselben glei\u00dfenden Stein gehauen wie der Platz und der Glockenturm hinter ihm. Ich musste die Augen zusammenkneifen, als ich zu ihm trat und die neuen Worte sammelte, doch seine Worte waren die alten, jene, die ich im Sprachkurs f\u00fcr die Fischer im Dorf fest in servierfertige S\u00e4tze einschn\u00fcrte, sodass sie sich kaum bewegen konnten. Er senkte den Kopf, beinahe eine Verbeugung war das. Ich hielt ihm die Hand zum Gru\u00df hin. Er nahm sie nicht und ich fl\u00fcchtete die Augen in den Schatten, wo in der Nische des Turms das Steinwesen \u00fcber dem Dorfplatz sa\u00df. Halb L\u00f6we, halb Krabbe, halb Schutzpatron, halb \u00dcberbleibsel der jahrhundertelangen Besatzung. Aus diesem Winkel sah es so aus, als ob es schlief. Ob bei mir ein Zimmer frei sei, fragte der Mann vor meinem K\u00e4fig und ich sagte ja.<\/span>"},{"acf_fc_layout":"content_txt","_acfe_flexible_layout_title":null,"acfe_flexible_layout_title":"Text","bgcolor":"has-bg-grey","bgcolor_custom":"","layout_col_size":8,"txt_cols":"is-1-txtcol","txt":"<p class=\"is-size-6\"><strong><span class=\"has-font-maison-neue\" style=\"font-family: 'Maison Neue';\">Marie Gamillscheg<\/span><\/strong> studied transcultural communication with French and Russian in Graz and Lyon\/France before embarking on a degree in Eastern European Studies at Freie Universit\u00e4t Berlin\/Germany. She now lives and works as a freelance author in Berlin. She was nominated for the aspekte Literature Prize and the Rauriser Literature Prize, among others, for her debut novel <em>Alles was gl\u00e4nzt<\/em> (2018, Luchterhand Literaturverlag), which was on the ORF bestseller list for three months and received the work stipend of the Berlin Senate, the rotahorn Literature Prize, and the debut award of the Austrian Book Prize in 2018. In 2020, she adapted the novel for the stage in a collaboration with makemake productions. Her second novel, <em>Aufruhr der Meerestiere<\/em> (Luchterhand Literaturverlag) was published in 2022.<\/p>"}],"intro_preview_headline":"Deleted Scenes","intro_preview_txt":"<span class=\"has-font-maison-neue\" style=\"font-family: 'Maison Neue';\">Author Marie Gamillscheg regretted that so many scenes and thoughts are edited out in the process of revising a novel \u2013 disappearing into notebooks or computer folders. During her fellowship at the Akademie Schloss Solitude, she therefore presented the idea of \u00bbDeleted Scenes\u00ab at a reading as part of the Solitude Soir\u00e9e at the Literaturhaus Stuttgart.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-maison-neue\" style=\"font-family: 'Maison Neue';\">These are short scenes, like the ones shown during the end credits of a film, or in earlier times, included as bonus material on DVDs \u2013 scenes that did not make the novel\u2019s final cut but are nevertheless given a small stage as hidden treasures, where they can briefly come to life. One could also call them studies of encounters.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-maison-neue\" style=\"font-family: 'Maison Neue';\">In the following scenes, Gamillscheg explores how people meet one another, how a stranger becomes an acquaintance and then a stranger again \u2013 and vice versa.<\/span>\r\n\r\n<span class=\"has-font-maison-neue\" style=\"font-family: 'Maison Neue';\">[The texts are in German]<\/span>","intro_preview_img":45473,"post_id_old":"","post_author":null,"post_subtitle":"Marie Gamillscheg","post_preview_img_hide_on_single":false,"post_txt_old":"","post_pdf":"","post_copyright":"ccl_default","translated_post":false,"translations":null,"post_copyright_individual":"","post_related_posts":"","related_posts_post":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45462","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45462"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45462\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":45876,"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45462\/revisions\/45876"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"project","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/project?post=45462"},{"taxonomy":"project_type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.akademie-solitude.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/project_type?post=45462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}