»Zwangsarbeit/en – Work Force/d« Residencies

Das Projekt und Stipendium »Zwangsarbeit/en – Work Force/d« rückt Orte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit in Stuttgart in den Mittelpunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung. Zwischen 1939 und 1945 waren zehntausende Menschen aus ganz Europa in Stuttgart als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt – in Industrie, Bauwesen, Landwirtschaft, öffentlichen Einrichtungen und privaten Haushalten, häufig unter unmenschlichen Bedingungen. Die Orte dieser Zwangsarbeit waren Teil des städtischen Alltags. Viele existieren bis heute, sind jedoch kaum noch als Orte von Gewalt, Ausbeutung und Entrechtung erkennbar.

Im Rahmen der Residenzen sollen diese Orte durch künstlerische Interventionen und Vermittlungsformate wieder lesbar werden – nicht als abgeschlossene historische Schauplätze, sondern als Räume, die im heutigen Stadtraum neu befragt und gemeinsam ausgehandelt werden. Welche Geschichten, Spuren und Brüche sind in ihnen eingeschrieben? Wie wirken die Erfahrungen der Zwangsarbeit in Biografien, familiären Erinnerungen und gesellschaftlichen Strukturen bis heute nach? Und wie lassen sich von diesen historischen Orten aus Bezüge zu gegenwärtigen Formen erzwungener, abhängiger oder prekärer Arbeit herstellen – ohne einfache Gleichsetzungen, aber mit einer kritischen Aufmerksamkeit für Kontinuitäten und Verschiebungen?

Erinnerungskultur wird dabei als offener, dialogischer Prozess verstanden, der sich erst in der Begegnung von künstlerischer Praxis, historischer Recherche und Stadtgesellschaft im öffentlichen Raum entfaltet. Die künstlerischen Arbeiten und begleitenden Vermittlungsformate sollen Räume eröffnen, in denen unterschiedliche Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektiven zusammenkommen – und in denen sich die Geschichte der Zwangsarbeit mit heutigen Fragen von Arbeit, Migration, Ausbeutung und Verantwortung neu verschränken kann, auch im globalen Zusammenhang.

Wer kann sich bewerben?

Die Ausschreibung richtet sich an nationale und internationale Künstler*innen, die bereit sind, sich künstlerisch mit konkreten historischen Orten der Zwangsarbeit in Stuttgart auseinanderzusetzen und neue Formen der Erinnerungskultur zu entwickeln. Die Orte sollten sich im Stuttgarter Stadtgebiet befinden. Bei der Recherche unterstützt die Koordinierungsstelle Erinnerungskultur. Eine Liste möglicher Orte finden Sie hier:
https://www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de/ns-zwangsarbeit-in-stuttgart/ns-zwangsarbeit/orte-der-ns-zwangsarbeit-karte

Das Stipendium wird ohne Altersbeschränkung vergeben.
Bewerbungen von Kollektiven sind leider nicht möglich.
Wir ermutigen Künstler*innen aus dem Raum Stuttgart, sich zu bewerben.

Vermittlung

Vermittlung und Zugänglichkeit stehen im Mittelpunkt des Projekts. Neben der Produktion einer ortsbezogenen künstlerischen Arbeit sind während des Stipendiums mindestens zwei begleitende öffentliche Veranstaltungen vorgesehen, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen und verschiedene Beteiligungsformate erproben sollen. Das öffentliche Vermittlungsprogramm wird in Kooperation mit dem Haus der Geschichte Stuttgart, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dem Stuttgarter Arbeitskreis Zwangsarbeit realisiert. Auch die unmittelbare Nachbarschaft der Erinnerungsorte soll aktiv mit einbezogen werden, um sich selbst als Teil einer lebendigen Erinnerungspraxis zu begreifen.

Das Stipendium umfasst:

    • einen sechsmonatigen Aufenthalt in Stuttgart, optional aufgeteilt auf zwei Zeiträume
    • ein monatliches Stipendium von 1.300 €
    • ein möbliertes Wohn- und Arbeitsstudio an der Akademie Schloss Solitude
    • einmalige Erstattung der Reisekosten für An- und Abreise
    • Projektmittel in Höhe von 5.000 € pro Stipendium (für Recherche und Produktion)
    • Übernahme der Krankenversicherungskosten für Nicht-EU-Bürger*innen
    • Austausch mit einer internationalen, multidisziplinären Stipendiat*innengemeinschaft
    • Teilnahme an Veranstaltungen der Akademie
    • Unterstützung bei lokaler und regionaler Vernetzung
    • Nutzung der Werkstätten (Holz, Metall, Videoschnitt/VR) und Bibliotheken der Akademie Schloss Solitude

Das Stipendium gliedert sich in zwei Phasen:

1. Recherchephase (3-monatiger Aufenthalt Akademie Schloss Solitude): intensive Auseinandersetzung mit Ort, Kontext und Themen.
2. Umsetzungs- und Präsentationsphase (3-monatiger Aufenthalt Akademie Schloss Solitude): Entwicklung und Realisierung des künstlerischen Vorhabens und des Vermittlungsprogramms im öffentlichen Raum in Zusammenarbeit mit Partner*innen.

Es besteht die Möglichkeit, den Aufenthalt in zwei Phasen aufzuteilen im Zeitraum Juni 2026 bis Juli 2027.

Begleitet werden die Künstler*innen durch die Kooperationspartner*innen und eine Projektleitung.

Bewerbungsprozess

Die Bewerbung sollte folgende Unterlagen (in einem PDF mit maximal 10 MB) enthalten:

    • Ein künstlerisches Konzept, das mindestens einen spezifischen Ort der Zwangsarbeit im öffentlichen Raum Stuttgarts untersucht, aktiviert und (neu) sichtbar macht. Die künstlerischen Formate können dauerhaft, temporär, performativ oder partizipativ angelegt sein. Entscheidend ist der Bezug zum Ort und dessen heutige soziale Umgebung. (Maximal 3 Seiten).
    • Künstlerisches Portfolio, optional mit Links (maximal 10 Seiten).
    • Lebenslauf

Die Realisierung von Kunstwerken im öffentlichen Raum ist abhängig von der Genehmigung durch flächenverwaltende Ämter, grundstückbesitzende Privatpersonen oder Organisationen.
Die Auswahl wird durch eine Jury aus Expert*innen und Vertreter*innen der Akademie Schloss Solitude sowie der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur getroffen.

Bitte reichen Sie Ihre Bewerbung bis zum 16. März 2026, 12 Uhr (CET) unter folgendem Link ein: https://my.hidrive.com/upl/bICtJQWLc.

Für inhaltliche Rückfragen steht Ihnen Franziska Weber, Leitung der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur im Kulturamt Stuttgart unter Franziska.Weber@stuttgart.de zur Verfügung.

Für allgemeine Fragen zur Ausschreibung und zum Projekt steht Ihnen Diana Yasmin Haddad, Referentin für Projekte und Veranstaltungen, Akademie Schloss Solitude, unter d.haddad@akademie-solitude.de zur Verfügung.

Hintergrundinformationen zur Ausschreibung

Das NS-Regime errichtete eines der größten und brutalsten Zwangsarbeitssysteme; zwischen 1939 und 1945 wurden rund 26 Millionen Menschen aus dem Deutschen Reich und den besetzten Gebieten zur Arbeit gezwungen. Betroffene waren oft entrechtete Menschen aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich und anderen besetzten Ländern; sie arbeiteten unter unmenschlichen Bedingungen in Baustellen, Fabriken, Bergwerken, Landwirtschaft und in Arbeits- sowie Konzentrationslagern. Zwangsarbeit durchdrang auch private Bereiche wie Haushalte, Kirchengemeinden und Schulen. Paradoxerweise ermöglichte diese Zwangsarbeit die Kriegsproduktion, die wiederum die Vernichtung der Heimatländer der Betroffenen anstrebte. Lange war die Geschichte der Zwangsarbeit ein verdrängtes Kapitel europäischer Geschichte, erst im Zuge der Entschädigungsdebatten Ende der 1990er-Jahre rückte sie verstärkt in den Fokus und öffnete den Diskurs. Die Spuren der NS-Zwangsarbeit sind heute noch spürbar: in Biografien, europäischen Erinnerungskulturen und in der politischen Zusammenarbeit der Nachkriegszeit. Am Beispiel Stuttgart zeigt sich eine ambivalente Bilanz: Die regionale Wirtschaft profitierte, doch das Bewusstsein über dieses Kapitel ist im städtischen Gedächtnis und öffentlichen Raum unzureichend verankert. An dieser Leerstelle kann zeitgenössische Kunst ansetzen und sich mit der Geschichte der Zwangsarbeit in Stuttgart über das Einbinden von internationalen Perspektiven beschäftigen – insbesondere durch das Erzählen individueller Schicksale und die Auseinandersetzung mit konkreten Schauplätzen wie ehemaligen Lagern, Schulen und Wohnvierteln.

Zwangsarbeit/en – Work force/d ist ein Projekt der Akademie Schloss Solitude und der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Stuttgart. In Kooperation mit dem Haus der Geschichte Stuttgart, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dem Stuttgarter Arbeitskreis Zwangsarbeit.