Geschützt: Deleted Scenes

Author Marie Gamillscheg regretted that so many scenes and thoughts are edited out in the process of revising a novel – disappearing into notebooks or computer folders. During her fellowship at the Akademie Schloss Solitude, she therefore presented the idea of »Deleted Scenes« at a reading as part of the Solitude Soirée at the Literaturhaus Stuttgart.

These are short scenes, like the ones shown during the end credits of a film, or in earlier times, included as bonus material on DVDs – scenes that did not make the novel’s final cut but are nevertheless given a small stage as hidden treasures, where they can briefly come to life. One could also call them studies of encounters.

In the following scenes, Gamillscheg explores how people meet one another, how a stranger becomes an acquaintance and then a stranger again – and vice versa.

[The texts are in German]

Marie Gamillscheg — Juli 31, 2026

»From Inside«. Courtesy of the artist

Schon lange fand die Autorin Marie Gamillscheg es schade, dass bei der Arbeit an einem Roman viele Szenen und Gedanken in der Überarbeitung herausfallen und in den Notizbüchern oder Ordnern am Computer verschwinden. Während ihres Stipendiums an der Akademie Schloss Solitude stellte sie deshalb bei einer Lesung im Solitude-Soirée im Literaturhaus Stuttgart die Idee der »Deleted Scenes« vor. Die kurzen Szenen wie im Film im Abspann oder früher noch auf den DVDs, die es nicht in den Hauptfilm geschafft haben, aber als geheime Schätze zumindest eine kleine Bühne bekommen, auf der sie kurz auftanzen können. Man könnte sie auch Studien der Begegnung nennen. In den folgenden Szenen untersucht Marie Gamillscheg, wie Menschen sich begegnen, wie ein Fremder zum Bekannten wieder und umgekehrt.

Eine erste Begegnung ist ein fragiles Gut. Kostbar, flüchtig, kaum zu hüten. Schon allzu bald wirft sich die Erinnerung über sie und archiviert, ordnet sie ein, macht sie zum Prolog aller weiteren Begegnungen. Das Chaos des ersten Treffens weicht der hauseigenen Logik, die der Erinnerung innewohnt. Unmöglich, sich zu erinnern, wie es einmal gewesen sein muss, einem lieben Freund als Fremden gegenübergestanden zu sein. Ob man zuerst das Lippenbeißen bemerkte oder ob man sich an den nervösen Augen störte. Oder wo sind die anfänglichen Fehleinschätzungen auf dem Weg geblieben, das Gefühl, dass eine Stimme oder ein Name nicht zum Kopf passt? Welche Verliebte kann schon sagen, dass dieses Gesicht gegenüber einmal verzichtbar gewesen ist?

Es muss an den Augen liegen, denke ich heute. Steht man einem Fremden gegenüber, von dem man noch nichts weiß, sieht man auch zum ersten Mal seine Augen, die wie die eigenen auch Augen sind, die sehen und tränen und manchmal blinzeln müssen. Oder es liegt schlicht daran, dass der Fremde, der man selbst ist, in diesem Moment noch nichts wissen, sondern nur schauen kann.

In jener Nacht oder in der Nacht zuvor oder in allen Nächten sah ich zwei Hände.

Sobald die Sonne unterging, stiegen die Temperaturen nicht mehr sprunghaft in die Höhe, aber sie sanken auch nicht unter dreißig Grad herab. Sie blieben stetig. Ich lag im Bett und die Hitze umarmte mich von allen Seiten. Sie fasste mir unter die Achseln, zwischen die Beine, massierte mir die Kopfhaut. Ich sprang auf und riss das Fenster auf, lehnte mich hinaus in die Straße, doch die Hitze war schneller gewesen, sie wartete schon auf mich. Da sah ich die beiden Hände.

Sie gehörten einem jungen Paar, einem Paar Menschen vorerst, die beiden gingen schnell, aber nicht eilig. Sie schienen mehr dringend an einen Ort zu wollen, als dorthin zu müssen. Sie unterhielten sich. Er sagte etwas, sie sagte etwas, ich sah die Frau lachen, nur die Frau, weil sie rechts von ihm ging und so ihren Kopf auch mir zuwandte, ohne es zu wissen. Es war mitten in der Nacht. Niemand war mehr unterwegs, einzig die Straße war wach, kaltorange von Laternen ausgeleuchtet. Ich schätzte die beiden auf Anfang Zwanzig, vielleicht Mitte Zwanzig. Da war etwas an seinem hüpfenden Schritt, an ihrer steifen Kopfhaltung und der glänzenden Ledertasche, mitten in der Nacht: Sie kannten sich noch nicht lange, aber sie sahen sich auch nicht zum ersten Mal. Aber vor allem musste ich auf ihre Hände schauen. Ihre linke Hand, seine rechte Hand. Sie baumelten neben den Körpern, bewegten sich im Rhythmus ihrer Schritte mal ein wenig vor, dann wieder zurück. Da berührte ihr Zeigefinger seine Hand, seine Hand strich über ihren Handrücken, im nächsten Schritt hackten sich die Zeigefinger für eine kurzen Moment ein, ließen aber sofort wieder voneinander los. Seine Hand bewegte sich ihrer zu, keine Berührung, ihr Zeigfinger und Mittelfinger wollten zu seinen, aber wieder berührten sich die Zeigefinger nur für einen Moment. Handrücken an Handrücken. Handfläche an kleinem Finger, Mittelfinger und Ringfinger an Zeigefinger. Sie hatten noch die ganze Nacht, aber ich nur noch bis sie in eine der Gassen am Marktplatz einbogen. Doch die Hände trauten sich nicht, da wieder Zeigefinger an Zeigefinger, eine kurze Berührung, sie waren schon auf dem Platz. Ich wollte zurücktreten, das Fenster schließen, damit ihnen die Berührung gelang, doch es war zu spät. Sie würden mich hören. Die Finger hackten wieder ein, einige Schritte wieder nichts, sein Mittelfinger streifte ihren Ringfinger.

Aber dann rutschte ihr die Tasche von der Schulter. Sie blieb stehen und bückte sich. Er ging noch einige Schritte weiter, dann hielt auch er an. Sie hob die Tasche auf. Er sagte etwas zu ihr. Sie stand wieder auf, trat zu ihm, sie gingen weiter und jetzt fassten sie sich an den Händen. Alle Finger fanden zu den Fingern des anderen, sie hielten sich fest und verschwanden in einer der dunklen Gassen, in der die Haut nicht mehr orangegelb und laternenblass aussah und nur die Augen strahlten, bis jemand eine Entscheidung traf.

Während ich überlegte, wie ich am nächsten Tag Toma davon erzählen würde, schlief ich ein. Als ich später in der Nacht noch einmal aufwachte, wusste ich nicht, was mich geweckt hatte, ich konnte mich auch an keinen Traum erinnern. Auf einmal überkam mich der Gedanke, dass ich mir alles nur eingebildet hatte, das junge Paar, das Spiel der Hände, die Hitze der Straße mitten in der Nacht. Ich stand erneut auf, ging zu meiner Kommode und holte die Packung Zigaretten hervor, die ich dort für Notfälle deponiert hatte. Während ich aus dem Fenster rauchte, fragte ich mich, was gravierender wäre, dass ich mir die Szene nur eingebildet hatte oder dass ich mich in eine Geschichte eingemischt hatte, die nicht die meine war. Das Haus war still, selbst der Boiler rumorte nicht.

Früher, als ich noch jünger war, passierte es mir häufig, dass ich in der Handbewegung oder in einem Blick eines Fremden etwas entdeckte, das mich manchmal über Monate, Jahre beschäftigte. Es war nicht unbedingt ein erotisches Interesse, vielmehr eine plötzliche Nähe, die mich nicht mehr losließ. Die Beobachtung entwickelte sich schnell zur Obsession, die mich über Monate, manchmal Jahre hinweg begleiten konnte und der gegenüber ich mich wehrlos glaubte. Mehrmals am Tag spielte ich die kurze Begegnung erneut durch, bis die Fremden darin kaum noch sie selber waren, sondern nur noch Spielarten meiner selbst. Als ich das bemerkte, verlor ich das Interesse daran.  Vielleicht war ich auch einfach zu alt geworden.

Das Haus war schmal und hoch. Die Fassade zur Dorfseite hin hatte ich letzten Winter renovieren lassen, so war es die Vorschrift, drinnen war es baufälliger, die Schimmelflecken in der Waschküche hatte ich nie übermalt, das Sofa war abgewohnt, eingesessen, so wie es mir gefiel. Dass das Mutterhaus einmal das Bürgermeisterhaus gewesen war, hatte ich erst von der Reiseleiterin erfahren, die mit einer Gruppe vor dem Haus gehalten hatte. Ich stand oben auf dem Balkon und klippte Unterhosen an die Wäscheleine, unten auf dem Platz sprach die Reiseleiterin in meiner Muttersprache, nicht der ihren. Doch sie pflegte die Worte besser als ich, sie klangen geschliffen und artikuliert, zugleich widerständiger als ich sie kannte. Bevor in diesem Haus der Bürgermeister lebte, war hier ein Fischladen im Erdgeschoss gewesen, erzählte die Reiseleiterin, die Familie hatte im ersten Stock gelebt, der zweite Stock war untervermietet.

Ein Haus, in dem zwei Menschen lebten, war ein gänzlich anderes als ein Haus für eine Person, auch wenn es dasselbe Gebäude war.  Es bestand nicht mehr aus seinen Räumen, die man zuvor zur Wiedererkennung und Einordnung noch wie Gliedmaßen aufgezählt hatte, auch die Türen hatten nicht mehr jene Wichtigkeit, die man ihnen einmal eingeräumt hatte. Ein Haus für zwei Personen bestand aus seinen Fluren und Treppen, aus den Wegen zwischen den Räumen. Die Geschichten, die das Haus erzählte, blieben dieselben, doch das Verhältnis zu ihnen veränderte sich, die Erzählerin wurde selbst zur Figur und umgekehrt genauso.

Ein Haus kann sich verändern. Es kann zu einem Puppenhaus schrumpfen und im nächsten Moment wieder zu einem Palast heranwachsen, es kann ein Refugium sein und kurz darauf schon zum Gefängnis werden. Es kann Hochzeiten sowie Gerichtsverfahren beherbergen. Ein Haus kann die Welt vor der Tür aussperren und bald darauf sitzt sie in jeder Holzritze. Es können Bewohnerinnen verschwinden und andere Bewohner besetzen es Jahrtausende.

Das Merkwürdige am Älterwerden war, dass jede Begegnung mich erinnern konnte. An eine alte Bekanntschaft oder an die Person, die ich selbst in dem Alter gewesen war beziehungsweise hätte sein können, meist wusste ich nicht an wen davon. Es war mir auch nicht wichtig und ich dachte gar nicht daran, dass es irgendjemand anderem wichtig sein könnte.

Akademie Schloss Solitude - Geschützt: Deleted Scenes

»Shy Spring Flowers Meet For The First Time«. Courtesy of the artist

Die Geräuschemacherin und ich hatten damals beide noch nichts mit Theater zu tun, doch wir kannten jede Menge Theatermenschen und gingen auf alle Premieren, zu denen wir eingeladen wurden. Es war lange her. An einem Abend, der damals einer von vielen gewesen und mittlerweile mehr eine Geschichte als eine Erinnerung geworden war, fanden wir uns so auf einer Premierenfeier in einer Diskussion über die Beziehung zwischen Publikum und Bühne im zeitgenössischen Theater wieder. Zu jener Zeit gelangte ich häufig in Situationen, in denen ich nicht wusste, wie mir geschah und wie ich in sie hineingeraten war, ich war sehr klein. Zumindest glaubte ich damals, man könnte mich jederzeit in eine Hosentasche stecken und an einem anderen Ort wieder auspacken, wo ich gar nicht hingehörte und dennoch würde ich niemals auffallen.

Die Diskussion hatte mit der harmlosen Bemerkung einer Dramaturgin begonnen, die schlicht eine Veränderung bemerkte, nicht mal bemängelte, doch die Fronten verhärteten sich sofort. Die eine Seite warf der anderen vor, sich mit ihrer Forderung nach Publikumspartizipation den Zuschauenden anzubiedern und Theater nach Bestellung machen zu wollen, was unweigerlich dazu führen würde, beliebige Unterhaltungsshows zu produzieren. Die andere Seite bezichtigte die erstere des Elitarismus und der Antiquiertheit und was dabei herauskommen würde, wäre Schultheater, das eine Intellektualität vorgab, aber eigentlich nur stetig wiederkäute, was schon seit Jahrhunderten auf Bühnen passierte, und somit uninteressant und irrelevant für die heutige Zeit sei. Beide Seiten brachten, kurz nachdem sie sich gegenseitig als spießig bezeichnet hatten, Argumente vor, die sich auf das Theater der griechischen Antike bezogen. Es ging auch hier um die Beteiligung des Publikums, an der sie die Wichtigkeit des Theaters in der Antike ablesen wollten, sie sprachen über den Choregos, jene Gruppe, die zu jener Zeit den Theaterchor zusammenstellte, für deren Unterhalt aufkam und oft noch vor dem jeweiligen Dichter in den Inschriften genannt wurde, darüber waren sie sich, soweit ich folgen konnte, einig, doch sie sahen das Beispiel jeweils als Argument für ihre Seite, ich verstand nicht ganz warum. Später ging es noch um Produktionen, an denen die Menschen am Tisch beteiligt waren, Vergleiche wurden gezogen und verworfen, so ging es hin und her. Je konkreter und persönlicher die gegenseitigen Vorwürfe wurden, desto rätselhafter war mir, wie für die jeweiligen Menschen die Beziehung zwischen Publikum und Bühne nun tatsächlich wünschenswert war. Die Geräuschemacherin und ich tranken unseren Sekt und sagten nichts. Ich hatte auch gar keine Meinung dazu, alle Beiträge waren stimmig und eloquent formuliert. Ich pflichtete nickend mal der einen, dann der anderen Seite bei, ich war von meiner Hosentaschentauglichkeit in jener Zeit so überzeugt, dass ich manchmal übermutig wurde. Schließlich kam der Regisseur am Tisch, dessen Stück wir zuvor gesehen und beklatscht hatten, auf Tiere und Kinder auf der Bühne zu sprechen. Er musste damals Mitte Dreißig gewesen sein, ich gut zehn Jahre jünger. Alle am Tisch rauchten, ich auch damals noch. Es gäbe eine alte Theaterweisheit, die besagte, dass Kinder und Tiere jegliche Aufmerksamkeit auf der Bühne auf sich zogen, sagte der Regisseur, alles andere, Schauspieler, Bühnenbild seien in dem Moment verloren. Kinder und Tiere hätten eine Bühnenpräsenz, die, weil sie nichts von ihr wussten, unvergleichlich war, ihre Aufmerksamkeit sei flirrend, jedoch gegenwärtig und scharf. Sie wussten nicht, dass ein Blick immer schon eine Geschichte war, in der man ganz den Beobachtenden gehörte, fuhr er fort, sie gehörten niemandem. Dieser Blick, der sich in den Zuschauerraum richtete, war für das Publikum nicht einzuordnen und zu lesen, er war so fremd, dass das Publikum das Gefühl bekam, dass es mit neuen Augen auf sich selbst schaute.

Die anderen stürzten sich gleich darauf. Sie erzählten von Bühnenerfahrungen mit Tieren und Kindern, sprachen dafür, sprachen dagegen, verglichen Theater und Zirkus, brachen ab, kamen auf die Ethik des Theaters zu sprechen. Die vom Regisseur angesprochene Bühnenpräsenz war bald nicht mehr Thema. Es wurde drei, vier Uhr nachts. Nach und nach verabschiedeten sich Menschen aus der Runde. Ich war müde und wollte nach Hause, doch schaffte es wie immer nicht, brach erst auf, als es die Letzten taten. Wir waren nur noch zu dritt, in der Theaterkantine wurde schon die Stühle auf die Tische gestellt. Zum Beispiel Schritte, sagte die Geräuschemacherin, als wir nach draußen in die Kälte traten. Um das Knistern der Grashalme zu erzeugen, wenn jemand über die Wiese ging, verwendete sie Zwiebelnetze. Würde sie tatsächlich die Schritte über die Wiese aufnehmen, so würde man das als störendes Hintergrundgeräusch wahrnehmen oder schlimmer noch, es klänge falsch, sagte sie. Erst an der frischen Luft merkte ich, wie betrunken ich war, ich taumelte, der Boden war glatt. Es war eine klirrende, wache Winternacht. Der Regisseur stand einige Meter abseits und rauchte. Ich konnte nicht sagen, ob er nichts mehr mit uns zu tun haben wollte oder auf uns wartete, auch die Geräuschemacherin zuckte mit den Schultern. Wir beschlossen noch einen Absacker trinken zu gehen. Wie immer in jener Zeit war kein Weg so mühsam wie jener allein nach Hause.

Der Regisseur setzte zwar in keinen seiner Stücke, von denen ich beinahe alle gesehen hatte, Tiere oder Kinder ein, häufig jedoch Tiermasken. Die Masken waren aus Papier oder Karton, an Pappstielen befestigt, die Tiere krakelig dahingeworfen oder es waren Ausdrucke aus dem Internet. Oft wellte sich das Papier an den Ecken bereits oder hatte umgeschlagene Kanten. Er wollte mit der Aufmerksamkeit des Publikums sowie mit der antiken Tradition kokettieren, sagte der Regisseur in Interviews.

Erst später verstand ich, dass das Spiel mit den Masken eigentlich gar keine Koketterie war, sondern die Sache nur so weit in die Irre führte, dass sie keinen Sinn mehr ergab: Im antiken Theater wurden Masken verwendet, damit auch das Publikum in den oberen Reihen sehen konnten, welche Rolle die Schauspieler auf der Bühne einnahmen. Die antiken Theater waren so groß, dass man sich nicht darauf verlassen konnte, dass alle Zusehenden Mimik und Worte sehen und verstehen konnten. Die Theatersäle, in denen der Regisseur seine Stücke zeigte, hatten meist nur wenige Reihen, man konnte von ganz hinten noch jeden lauten Atemzug hören.

Als wir uns scheiden ließen, warf ich ihm vor, dass er Bruna nie ein Haustier erlaubt hatte. Unser Zuhause sei keine Bühne, sagte ich. Ich schwieg darüber, dass ich genau das bei unserem ersten Treffen in der Theaterkantine so reizvoll fand.

Es war an dem Tag, als die Brücke wieder geöffnet wurde. Als ich am späten Vormittag von der Bar nach Hause kam, stand er vor dem Käfig. Eine kleine Reisetasche in der Hand, leicht vornübergebeugt, wie gegen einen schwachen, aber beständigen Wind gelehnt.

Hielt ich ihn im ersten Moment noch für einen Lieferanten ohne Paket, für einen Klempner, der sich im Haus geirrt hatte?

Es war noch nicht Mittag, aber fast. Der Himmel war leergefegt, weißblau. Die Sonne war nicht mehr als Kreis auszumachen, sondern hatte sich flächig über die ganze Lagune gestürzt. Es war heiß. Der junge Mann stand da, als wartete er darauf, dass ihn jemand abholte, nicht wissend, wer oder wann genau, doch jederzeit. Ich sah ihn, er sah mich nicht, es fühlte sich verboten an. Ich blieb in der Mitte des Platzes stehen.  Er trug ein dickes Hemd und eine helle Leinenhose, schien dabei aus demselben gleißenden Stein gehauen wie der Platz und der Glockenturm hinter ihm. Ich musste die Augen zusammenkneifen, als ich zu ihm trat und die neuen Worte sammelte, doch seine Worte waren die alten, jene, die ich im Sprachkurs für die Fischer im Dorf fest in servierfertige Sätze einschnürte, sodass sie sich kaum bewegen konnten. Er senkte den Kopf, beinahe eine Verbeugung war das. Ich hielt ihm die Hand zum Gruß hin. Er nahm sie nicht und ich flüchtete die Augen in den Schatten, wo in der Nische des Turms das Steinwesen über dem Dorfplatz saß. Halb Löwe, halb Krabbe, halb Schutzpatron, halb Überbleibsel der jahrhundertelangen Besatzung. Aus diesem Winkel sah es so aus, als ob es schlief. Ob bei mir ein Zimmer frei sei, fragte der Mann vor meinem Käfig und ich sagte ja.

Marie Gamillscheg studied transcultural communication with French and Russian in Graz and Lyon/France before embarking on a degree in Eastern European Studies at Freie Universität Berlin/Germany. She now lives and works as a freelance author in Berlin. She was nominated for the aspekte Literature Prize and the Rauriser Literature Prize, among others, for her debut novel Alles was glänzt (2018, Luchterhand Literaturverlag), which was on the ORF bestseller list for three months and received the work stipend of the Berlin Senate, the rotahorn Literature Prize, and the debut award of the Austrian Book Prize in 2018. In 2020, she adapted the novel for the stage in a collaboration with makemake productions. Her second novel, Aufruhr der Meerestiere (Luchterhand Literaturverlag) was published in 2022.