Deleted Scenes

Author Marie Gamillscheg found it regrettable that so many scenes and thoughts are edited out in the process of revising a novel – disappearing into notebooks or computer folders. During her fellowship at Akademie Schloss Solitude, she therefore presented the idea of »Deleted Scenes« at a reading as part of the Solitude Soirée at Literaturhaus Stuttgart. These are short scenes, like the ones shown during the end credits of a film, or in earlier times, included as bonus material on DVDs – scenes that did not make the novel’s final cut but are nevertheless given a small stage as hidden treasures, where they can briefly come to life. One could also call them studies of encounters. In the following scenes, Gamillscheg explores how people meet one another, how a stranger becomes an acquaintance and then a stranger again – and vice versa.

[The texts are available in German only]

Marie Gamillscheg — Sep. 7, 2026

»From Inside«. Courtesy of the artist

Schon lange findet die Autorin Marie Gamillscheg es schade, dass bei der Arbeit an einem Roman viele Szenen und Gedanken in der Überarbeitung herausfallen und in den Notizbüchern oder Ordnern auf dem Computer verschwinden. Während ihres Stipendiums an der Akademie Schloss Solitude stellte sie deshalb bei einer Lesung im Rahmen der Solitude-Soirée im Literaturhaus Stuttgart die Idee der »Deleted Scenes« vor.

Es sind kurze Szenen, vergleichbar jenen, die im Abspann eines Film oder früher als Bonusmaterial auf DVDs zu sehen waren: Szenen, die es nicht in den Hauptfilm geschafft haben, aber als geheime Schätze zumindest eine kleine Bühne bekommen, auf der sie kurz auftanzen können. Man könnte sie auch Begegnungsstudien nennen. In den folgenden Szenen untersucht Marie Gamillscheg, wie Menschen sich begegnen, wie ein Fremder zum Bekannten wird – und umgekehrt.

Eine erste Begegnung ist ein fragiles Gut. Kostbar, flüchtig, kaum zu hüten. Schon allzu bald wirft sich die Erinnerung über sie und archiviert, ordnet sie ein, macht sie zum Prolog aller weiteren Begegnungen. Das Chaos des ersten Treffens weicht der hauseigenen Logik, die der Erinnerung innewohnt. Unmöglich, sich zu erinnern, wie es einmal gewesen sein muss, einem lieben Freund als Fremden gegenübergestanden zu sein. Ob man zuerst das Lippenbeißen bemerkte oder ob man sich an den nervösen Augen störte. Oder wo sind die anfänglichen Fehleinschätzungen auf dem Weg geblieben, das Gefühl, dass eine Stimme oder ein Name nicht zum Kopf passt? Welche Verliebte kann schon sagen, dass dieses Gesicht gegenüber einmal verzichtbar gewesen ist?

Es muss an den Augen liegen, denke ich heute. Steht man einem Fremden gegenüber, von dem man noch nichts weiß, sieht man auch zum ersten Mal seine Augen, die wie die eigenen auch Augen sind, die sehen und tränen und manchmal blinzeln müssen. Oder es liegt schlicht daran, dass der Fremde, der man selbst ist, in diesem Moment noch nichts wissen, sondern nur schauen kann.

In jener Nacht oder in der Nacht zuvor oder in allen Nächten sah ich zwei Hände.
Sobald die Sonne unterging, stiegen die Temperaturen nicht mehr sprunghaft in die Höhe, aber sie sanken auch nicht unter dreißig Grad herab. Sie blieben stetig. Ich lag im Bett und die Hitze umarmte mich von allen Seiten. Sie fasste mir unter die Achseln, zwischen die Beine, massierte mir die Kopfhaut. Ich sprang auf und riss das Fenster auf, lehnte mich hinaus in die Straße, doch die Hitze war schneller gewesen, sie wartete schon auf mich. Da sah ich die beiden Hände.

Sie gehörten einem jungen Paar, einem Paar Menschen vorerst, die beiden gingen schnell, aber nicht eilig. Sie schienen mehr dringend an einen Ort zu wollen, als dorthin zu müssen. Sie unterhielten sich. Er sagte etwas, sie sagte etwas, ich sah die Frau lachen, nur die Frau, weil sie rechts von ihm ging und so ihren Kopf auch mir zuwandte, ohne es zu wissen. Es war mitten in der Nacht. Niemand war mehr unterwegs, einzig die Straße war wach, kaltorange von Laternen ausgeleuchtet. Ich schätzte die beiden auf Anfang Zwanzig, vielleicht Mitte Zwanzig. Da war etwas an seinem hüpfenden Schritt, an ihrer steifen Kopfhaltung und der glänzenden Ledertasche, mitten in der Nacht: Sie kannten sich noch nicht lange, aber sie sahen sich auch nicht zum ersten Mal. Aber vor allem musste ich auf ihre Hände schauen. Ihre linke Hand, seine rechte Hand. Sie baumelten neben den Körpern, bewegten sich im Rhythmus ihrer Schritte mal ein wenig vor, dann wieder zurück. Da berührte ihr Zeigefinger seine Hand, seine Hand strich über ihren Handrücken, im nächsten Schritt hackten sich die Zeigefinger für eine kurzen Moment ein, ließen aber sofort wieder voneinander los. Seine Hand bewegte sich ihrer zu, keine Berührung, ihr Zeigfinger und Mittelfinger wollten zu seinen, aber wieder berührten sich die Zeigefinger nur für einen Moment. Handrücken an Handrücken. Handfläche an kleinem Finger, Mittelfinger und Ringfinger an Zeigefinger. Sie hatten noch die ganze Nacht, aber ich nur noch bis sie in eine der Gassen am Marktplatz einbogen. Doch die Hände trauten sich nicht, da wieder Zeigefinger an Zeigefinger, eine kurze Berührung, sie waren schon auf dem Platz. Ich wollte zurücktreten, das Fenster schließen, damit ihnen die Berührung gelang, doch es war zu spät. Sie würden mich hören. Die Finger hackten wieder ein, einige Schritte wieder nichts, sein Mittelfinger streifte ihren Ringfinger.

Aber dann rutschte ihr die Tasche von der Schulter. Sie blieb stehen und bückte sich. Er ging noch einige Schritte weiter, dann hielt auch er an. Sie hob die Tasche auf. Er sagte etwas zu ihr. Sie stand wieder auf, trat zu ihm, sie gingen weiter und jetzt fassten sie sich an den Händen. Alle Finger fanden zu den Fingern des anderen, sie hielten sich fest und verschwanden in einer der dunklen Gassen, in der die Haut nicht mehr orangegelb und laternenblass aussah und nur die Augen strahlten, bis jemand eine Entscheidung traf.

Während ich überlegte, wie ich am nächsten Tag Toma davon erzählen würde, schlief ich ein. Als ich später in der Nacht noch einmal aufwachte, wusste ich nicht, was mich geweckt hatte, ich konnte mich auch an keinen Traum erinnern. Auf einmal überkam mich der Gedanke, dass ich mir alles nur eingebildet hatte, das junge Paar, das Spiel der Hände, die Hitze der Straße mitten in der Nacht. Ich stand erneut auf, ging zu meiner Kommode und holte die Packung Zigaretten hervor, die ich dort für Notfälle deponiert hatte. Während ich aus dem Fenster rauchte, fragte ich mich, was gravierender wäre, dass ich mir die Szene nur eingebildet hatte oder dass ich mich in eine Geschichte eingemischt hatte, die nicht die meine war. Das Haus war still, selbst der Boiler rumorte nicht.

Früher, als ich noch jünger war, passierte es mir häufig, dass ich in der Handbewegung oder in einem Blick eines Fremden etwas entdeckte, das mich manchmal über Monate, Jahre beschäftigte. Es war nicht unbedingt ein erotisches Interesse, vielmehr eine plötzliche Nähe, die mich nicht mehr losließ. Die Beobachtung entwickelte sich schnell zur Obsession, die mich über Monate, manchmal Jahre hinweg begleiten konnte und der gegenüber ich mich wehrlos glaubte. Mehrmals am Tag spielte ich die kurze Begegnung erneut durch, bis die Fremden darin kaum noch sie selber waren, sondern nur noch Spielarten meiner selbst. Als ich das bemerkte, verlor ich das Interesse daran. Vielleicht war ich auch einfach zu alt geworden.

Das Haus war schmal und hoch. Die Fassade zur Dorfseite hin hatte ich letzten Winter renovieren lassen, so war es die Vorschrift, drinnen war es baufälliger, die Schimmelflecken in der Waschküche hatte ich nie übermalt, das Sofa war abgewohnt, eingesessen, so wie es mir gefiel. Dass das Mutterhaus einmal das Bürgermeisterhaus gewesen war, hatte ich erst von der Reiseleiterin erfahren, die mit einer Gruppe vor dem Haus gehalten hatte. Ich stand oben auf dem Balkon und klippte Unterhosen an die Wäscheleine, unten auf dem Platz sprach die Reiseleiterin in meiner Muttersprache, nicht der ihren. Doch sie pflegte die Worte besser als ich, sie klangen geschliffen und artikuliert, zugleich widerständiger als ich sie kannte. Bevor in diesem Haus der Bürgermeister lebte, war hier ein Fischladen im Erdgeschoss gewesen, erzählte die Reiseleiterin, die Familie hatte im ersten Stock gelebt, der zweite Stock war untervermietet.

Ein Haus, in dem zwei Menschen lebten, war ein gänzlich anderes als ein Haus für eine Person, auch wenn es dasselbe Gebäude war. Es bestand nicht mehr aus seinen Räumen, die man zuvor zur Wiedererkennung und Einordnung noch wie Gliedmaßen aufgezählt hatte, auch die Türen hatten nicht mehr jene Wichtigkeit, die man ihnen einmal eingeräumt hatte. Ein Haus für zwei Personen bestand aus seinen Fluren und Treppen, aus den Wegen zwischen den Räumen. Die Geschichten, die das Haus erzählte, blieben dieselben, doch das Verhältnis zu ihnen veränderte sich, die Erzählerin wurde selbst zur Figur und umgekehrt genauso.

Ein Haus kann sich verändern. Es kann zu einem Puppenhaus schrumpfen und im nächsten Moment wieder zu einem Palast heranwachsen, es kann ein Refugium sein und kurz darauf schon zum Gefängnis werden. Es kann Hochzeiten sowie Gerichtsverfahren beherbergen. Ein Haus kann die Welt vor der Tür aussperren und bald darauf sitzt sie in jeder Holzritze. Es können Bewohnerinnen verschwinden und andere Bewohner besetzen es Jahrtausende.

Das Merkwürdige am Älterwerden war, dass jede Begegnung mich erinnern konnte. An eine alte Bekanntschaft oder an die Person, die ich selbst in dem Alter gewesen war beziehungsweise hätte sein können, meist wusste ich nicht an wen davon. Es war mir auch nicht wichtig und ich dachte gar nicht daran, dass es irgendjemand anderem wichtig sein könnte.

Es war an dem Tag, als die Brücke wieder geöffnet wurde. Als ich am späten Vormittag von der Bar nach Hause kam, stand er vor dem Käfig. Eine kleine Reisetasche in der Hand, leicht vornübergebeugt, wie gegen einen schwachen, aber beständigen Wind gelehnt.

Hielt ich ihn im ersten Moment noch für einen Lieferanten ohne Paket, für einen Klempner, der sich im Haus geirrt hatte?

Es war noch nicht Mittag, aber fast. Der Himmel war leergefegt, weißblau. Die Sonne war nicht mehr als Kreis auszumachen, sondern hatte sich flächig über die ganze Lagune gestürzt. Es war heiß. Der junge Mann stand da, als wartete er darauf, dass ihn jemand abholte, nicht wissend, wer oder wann genau, doch jederzeit. Ich sah ihn, er sah mich nicht, es fühlte sich verboten an. Ich blieb in der Mitte des Platzes stehen. Er trug ein dickes Hemd und eine helle Leinenhose, schien dabei aus demselben gleißenden Stein gehauen wie der Platz und der Glockenturm hinter ihm. Ich musste die Augen zusammenkneifen, als ich zu ihm trat und die neuen Worte sammelte, doch seine Worte waren die alten, jene, die ich im Sprachkurs für die Fischer im Dorf fest in servierfertige Sätze einschnürte, sodass sie sich kaum bewegen konnten. Er senkte den Kopf, beinahe eine Verbeugung war das. Ich hielt ihm die Hand zum Gruß hin. Er nahm sie nicht und ich flüchtete die Augen in den Schatten, wo in der Nische des Turms das Steinwesen über dem Dorfplatz saß. Halb Löwe, halb Krabbe, halb Schutzpatron, halb Überbleibsel der jahrhundertelangen Besatzung. Aus diesem Winkel sah es so aus, als ob es schlief. Ob bei mir ein Zimmer frei sei, fragte der Mann vor meinem Käfig und ich sagte ja.

Akademie Schloss Solitude - Deleted Scenes

»Shy Spring Flowers Meet For The First Time«. Courtesy of the artist

Marie Gamillscheg studied transcultural communication with French and Russian in Graz and Lyon/France before embarking on a degree in Eastern European Studies at Freie Universität Berlin/Germany. She now lives and works as a freelance author in Berlin. She was nominated for the aspekte Literature Prize and the Rauriser Literature Prize, among others, for her debut novel Alles was glänzt (2018, Luchterhand Literaturverlag), which was on the ORF bestseller list for three months and received the work stipend of the Berlin Senate, the rotahorn Literature Prize, and the debut award of the Austrian Book Prize in 2018. In 2020, she adapted the novel for the stage in a collaboration with makemake productions. Her second novel, Aufruhr der Meerestiere (Luchterhand Literaturverlag) was published in 2022.

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