Mohsin Shafi
Praxisfeld: | Visuell |
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Stipendium: | |
Stadt, Land: | Lahore, Pakistan |
Jahrgang: | 2026 |
Aufenthalt(e): | Juli 2026 - März 2027 |
© Mohsin Shafi
Mohsin Shafi ist ein visueller Essayist mit Wohnsitz in Lahore/Pakistan, dessen interdisziplinäre Praxis aus dem rastlosen Puls Südasiens hervorgeht – seinen Leerstellen, Widersprüchen und intimen Geschichten – und sich in Bewegtbild, Installation, Performance, Klang, Text, Zeichnung und Mixed-Media-Collage entfaltet. Er schöpft aus der Alltagskultur, mündlichen Traditionen, dem Wissen seiner Eltern sowie aus literarischen und musikalischen Überlieferungen, die von Volkslegenden und kulturellen Vorfahren weitergetragen werden. Ohne der zeitgenössischen westlichen Theorie die alleinige Deutungshoheit einzuräumen, wendet sich Shafi regionalen Philosophien zu, um Fürsorge, Vorstellungskraft und Koexistenz vor dem Hintergrund der fortwirkenden Folgen kolonialer Herrschaft neu zu denken.
Das Aufwachsen zwischen Punjabi und Urdu, bevor er deutlich später mit Englisch in Berührung kam, prägte sein Verständnis von Ausdruck – verbal, visuell und materiell – als etwas Inszeniertes, Zögerliches, Interpretierbares, Übersetzbares und fortwährend Aushandelbares. Diese Sensibilität bestimmt seine Arbeitsweise im Atelier. Anstatt verschiedene Medien voneinander zu trennen, lässt er sie sich überlagern, einander unterbrechen und ergänzen, im Vertrauen darauf, dass jedes Bedeutungen vermitteln kann, die die anderen nicht vollständig zu fassen vermögen.
Shafis autobiografische Methode bedient sich der Selbstmimikry, um gelebte Wirklichkeiten durch Verletzlichkeit offenzulegen, ohne sie auf Bekenntnisse zu reduzieren. Seine Arbeiten vereinen Trauma und Heilung, Depression und Absurdität, Trauer und Sehnsucht sowie Tragik und Zärtlichkeit. Satire, subtiler und schwarzer Humor widersetzen sich eindeutigen Lesarten. Oft emotional aufgeladen und politisch sensibel, ist sein Werk mitunter sowohl staatlicher als auch selbst auferlegter Zensur begegnet. Ein früheres Projekt, SADAISM – abgeleitet von sada, was auf Punjabi »unser Eigenes« bedeutet – übertrug dadaistische Strategien auf den pakistanischen Kontext und nutzte Parodie, um Machtstrukturen zu hinterfragen.
An der Akademie Schloss Solitude entwickelt Shafi derzeit German Dawakhana, eine visuelle Untersuchung, die zwischen Lahore und Stuttgart/Deutschland angesiedelt ist. Ausgehend von handgemalten Schildern, Wandtexten und preisgünstig gedruckten Klinikplakaten, die zum alltäglichen Stadtbild Pakistans gehören, überführt das Projekt diese Straßensprache in ein spekulatives Archiv. Es untersucht, wie die geliehene Autorität Deutschlands Versprechen männlicher Stärke Glaubwürdigkeit verleiht, während idealisierte Körper Männlichkeit zu einem Maßstab machen, an dem Betrachter*innen sich selbst messen – und so Begehren, Scham und Selbstzweifel erzeugen. Das Thema besitzt eine persönliche Genealogie: Seine Urgroßmutter war Heilerin in Indien, sein Großvater praktizierte hikmat, und sein Vater verband Pharmazie mit dem Wissen, das über diese familiäre Linie weitergegeben wurde.
Während seines Stipendiums arbeitet Shafi außerdem an der Fertigstellung von Bollywood Destroyed My Expectations of Love. Das als bildschirmbasierte Arbeit konzipierte Werk imitiert und irritiert Konventionen des Bollywood-Kinos, indem es südasiatische filmische Fantasien mit einem autobiografischen Archiv vergleicht, das zwischen Pakistan und Europa entstanden ist. Persönliche Korrespondenz, inszenierte Selbstdarstellungen, Dialoge, Lieder und Reisen verdichten sich in fragilem Filmmaterial, das die Distanz zwischen Fiktion und Realität nachzeichnet. Nachdem das Werk zu einer selbstbestimmten Form des Abschlusses gelangt ist, deutet es das Motiv des »glücklich bis ans Ende ihrer Tage« als eine Zukunft um, die nicht länger von jener Person abhängt, die einst darin vorgestellt wurde.
Parallel dazu entwickelt Shafi Malamtiya, eine zutiefst persönliche Untersuchung, die vorkoloniale Vorstellungen von Liebe und Intimität mit sufistischem Denken, Trauer, elterlicher Erinnerung, Nonkonformität und Hingabe ohne Selbstaufgabe in Beziehung setzt. Zudem schreibt er sein erstes Buch, Almost: A Memoir in Progress, in dem Essay, autobiografisches Schreiben und literarische Reflexion zusammenfinden.
Zu den Institutionen, in denen seine Arbeiten zuletzt präsentiert wurden, zählen die Kunsthalle Krems, Österreich (2025–2026), das Queer Museum Vienna, Österreich (2024), und die Bundeskunsthalle, Bonn/Deutschland (2026). Residenzaufenthalte führten ihn unter anderem zu AIR Niederösterreich, Krems (2024), 1646 Experimental Art Space, Den Haag/Niederlande (2021), und Atelier Mondial, Basel/Schweiz (2019).
Zu seinen jüngsten Projekten in Pakistan zählen die Einzelausstellung The Anatomy of Becoming in der Canvas Gallery in Karachi/Pakistan, einer der führenden Einrichtungen für zeitgenössische Kunst des Landes, sowie Museum of Repairing Reminiscences, ein einjähriges partizipatives Museumsexperiment, das er gemeinsam mit der Vasl Artists’ Association, Karachi, und The Repair Atelier, Providence/USA, konzipierte und entwickelte.
Er studierte Design und Bildende Kunst am National College of Arts in Lahore, einer der ältesten Kunsthochschulen Südasiens.
© Mohsin Shafi