Metabolic Futures

Metabolismus bezeichnet den Prozess, durch den Lebewesen Stoffe umwandeln, um zu leben. Heute reicht dieser Prozess weit über den Körper hinaus: Er entfaltet sich über landwirtschaftliche Betriebe, Fabriken, Labore, Lieferketten und Umwelten hinweg. Gerade weil Metabolismus so alltäglich ist – eingebettet in die Stoffe und Routinen des täglichen Lebens –, bleibt er oft im Verborgenen sichtbar. Seit 2025 untersucht die Akademie Schloss Solitude in Zusammenarbeit mit dem Geografen Maan Barua, wie sich diese materiellen Zusammenhänge wahrnehmbar, denkbar und für künstlerische, wissenschaftliche und politische Auseinandersetzungen öffnen lassen.

Warum Metabolismus, warum jetzt? Metabolismus steht für eine grundlegende Transformation darin, wie Leben organisiert ist. Tierisches Leben wurde radikal neu skaliert: Nutztiere, gezüchtet auf Effizienz und Profit, übersteigen heute die Biomasse der Menschen auf dem Planeten. Industrielle Verarbeitung prägt den Alltag der Ernährung, wobei hochverarbeitete Lebensmittel in vielen Teilen der Welt zu einer dominierenden Kalorienquelle werden. Gleichzeitig ist Exposition untrennbar mit dem Leben verbunden. Was in den Körper gelangt, beschränkt sich nicht auf Nährstoffe allein: Tausende von lebensmittelkontaktierenden Chemikalien zirkulieren über Verpackungen, Zusatzstoffe und Umwelten, von denen viele im menschlichen Körper nachweisbar sind.

Metabolismus bietet eine Möglichkeit, Ökonomie auf der Ebene des Lebens selbst zu verstehen. Ökonomien produzieren und zirkulieren nicht nur Güter – sie organisieren auch, was Körper aufnehmen, verarbeiten, tolerieren und weitergeben. Industrielle Tierhaltung macht Wachstum zu messbarer Produktivität. Lebensmittelverarbeitung verwandelt Ernährung in eine Frage des Designs. Verpackungen, Konservierungsstoffe und Zusatzstoffe ermöglichen es Substanzen, zu zirkulieren und stabil zu bleiben, während viele dieser Verbindungen zugleich in Medikamenten, Kosmetika und anderen Alltagsprodukten vorkommen. In diesem Sinne entsteht Wert nicht nur durch Produktion, sondern durch Substitution, Standardisierung und logistische Kontrolle – bei gleichzeitig ungleicher Verteilung chemischer Belastungen und ökologischer Lasten.

Als biologisches wie sozio-materielles Konzept bietet Metabolismus ein Vokabular zur Analyse von Städten, Landschaften und Infrastrukturen. Er beschreibt, wie Ressourcen, Energie, Abfall und Stoffe durch Systeme zirkulieren, die von Ungleichheit und Machtverhältnissen geprägt sind. Umwelten sind in dieser Perspektive keine passiven Hintergründe, sondern aktive Expositionssysteme und Speichermedien industrieller Rückstände, in denen die lange Geschichte der Industrialisierung fortwirkt und zukünftiges Leben prägt.

Wenn das Anthropozän planetare Krisen im globalen Maßstab beschreibt, bringt der Metabolismus diese Ebene in die gelebte Erfahrung zurück – in Dosis und Rückstände, Nahrungsketten und Arbeit, Regulierung und Alltag. Er macht sichtbar, wie Macht über Stoffe, Prozesse und ungleiche Exposition wirkt – und wie Leben selbst durch diese Dynamiken reorganisiert wird.

Das Projekt »Metabolic Futures« versteht sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Die Wissenschaft macht Stoffe, Grenzwerte und Expositionen messbar. Die Ökonomie organisiert sie in Systeme von Produktion, Zirkulation und Profit. Kunst und Sozialwissenschaften hingegen können diese Prozesse auf andere Weise erfahrbar machen – durch Wahrnehmung, Affekt und Erfahrung. Sie machen Rückstände, Gerüche, Texturen und körperliche Empfindungen greifbar und verleihen zeitlichen, oft intergenerationalen Folgen eine Form, die in technischer oder politischer Sprache unsichtbar bleibt.

Kunst ist hier keine Illustration, sondern Methode: eine Weise, verborgene Zusammenhänge wahrnehmbar, verhandelbar und veränderbar zu machen. Wissenschaft erscheint als situierte Praxis des Messens und Klassifizierens, Ökonomie als aktive Organisation der materiellen Bedingungen des Lebens. Metabolismus wird so zum Punkt, an dem sich diese Perspektiven überschneiden.

Das Projekt »Metabolic Futures«

Das öffentliche Programm zu »Metabolic Futures« begann im April 2025 mit einer zweitägigen Veranstaltung mit Workshops, Sound Walks, Diskussionen, Vorträgen, Filmvorführungen und kulinarischen Experimenten, organisiert in Kooperation mit dem Künstlerhaus Stuttgart und Raupe Immersatt e.V.

Anstatt Metabolismus abstrakt zu behandeln, setzte das Programm bei konkreten Substanzen an – etwa Palmfett, Kakao und Maltodextrin – als Ausgangspunkte für umfassendere Zusammenhänge von Extraktion, Verarbeitung, Regulierung, Wahrnehmung und Exposition. Wissenschaftlich, sensorisch und performativ untersucht, machten diese Materialien Metabolismus als Geflecht materieller Beziehungen zwischen Körpern, Ökonomien und Umwelten erfahrbar.

Im Jahr 2026 wird das Projekt mit »Metabolic Futures II – The Politics of Smell« fortgesetzt, einer multidisziplinären Veranstaltung, die Geruch als politisches, soziales und ökonomisches Medium untersucht.

Künstler*innen, Biolog*innen und Geograf*innen gehen gemeinsam der Frage nach, wie Geruch das soziale Leben prägt, wie er industrialisiert wurde und wie seine Regulierung mit der Steuerung von Raum zusammenhängt. Aufbauend auf der Arbeit mit Substanzen verschiebt diese zweite Iteration den Fokus auf Prozesse und fragt, wie ein flüchtiges sensorisches Phänomen für künstlerische, wissenschaftliche und politische Forschung zugänglich gemacht werden kann.

»Metabolic Futures« wurde von Maan Barua, Geograf an der University of Cambridge, initiiert und in Kooperation mit dem Künstlerhaus Stuttgart und dem Zukunftskolleg der Universität Konstanz organisiert. Die erste Iteration wurde durch den ERC Horizon 2020 Starting Grant »Urban Ecologies« gefördert. Die zweite Veranstaltung wird vom Canadian Institute for Advanced Research (CIFAR) unterstützt.