Ziel des Stipendiums ist es, die Geschichte der NS-Zwangsarbeit in Stuttgart aus zeitgenössischen künstlerischen Perspektiven zu erforschen und sichtbar zu machen. Ausgangspunkt sind konkrete Orte ehemaliger NS-Zwangsarbeit im heutigen Stadtgebiet, die durch künstlerische Interventionen neu lesbar gemacht werden sollen.
Zwischen 1939 und 1945 waren diese Orte Schauplätze von Gewalt, Entrechtung und Ausbeutung. An den meisten Orten erinnert heute nichts an diesen Teil ihrer Geschichte. Das Stipendienvorhaben setzt genau hier an: Die künstlerischen Arbeiten sollen nach den Spuren fragen, die die Zwangsarbeit bis heute im Stadtraum, in Biografien, Familiengeschichten und gesellschaftlichen Strukturen hinterlassen hat. Zugleich eröffnen sie einen Dialog über gegenwärtige Formen von Ausbeutung, Abhängigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen, indem Kontinuitäten, Brüche und Veränderungen kritisch reflektiert werden.
Auf die internationale Ausschreibung gingen mehr als 160 Bewerbungen aus zahlreichen Ländern ein. Eine fünfköpfige Fachjury – bestehend aus Mirjam Zadoff (Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München), Ülkü Süngün (Künstlerin), Andreas Langen (Fotograf und Mitglied des Arbeitskreises Zwangsarbeit in Stuttgart) sowie Vertreterinnen der beiden Kooperationspartner – wählte zwei internationale künstlerische Positionen aus.
Die Künstlerin Nadya Sayapina hat ihre erste mehrmonatige Residenz in Stuttgart kürzlich begonnen. Im weiteren Verlauf des Stipendiums wird auch Jean-François Daisy Krebs für zwei Arbeitsphasen nach Stuttgart kommen. Während ihrer Aufenthalte recherchieren die Künstler*innen in Archiven, führen Gespräche mit Expert*innen und lokalen Initiativen und entwickeln ortsspezifische künstlerische Projekte, die gemeinsam mit der Stadtgesellschaft realisiert werden. Begleitet werden die künstlerischen Arbeiten von einem öffentlichen Vermittlungsprogramm.
Zu den zentralen Kooperationspartnern gehören neben der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Kulturamts und der Akademie Schloss Solitude der Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart, die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg sowie das Haus der Geschichte Baden-Württemberg.
Historischer Kontext
Zwischen 1939 und 1945 war Zwangsarbeit ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Millionen Menschen aus den von Deutschland besetzten Ländern Europas wurden zur Arbeit im Deutschen Reich gezwungen. Allein in Stuttgart mussten mehr als 40.000 Männer, Frauen und Jugendliche unter Zwang arbeiten.
Obwohl Zwangsarbeit eine tragende Säule der NS-Kriegswirtschaft war, blieb ihre Geschichte nach 1945 lange ein verdrängtes Kapitel der europäischen Erinnerung. Erst seit den späten 1980er-Jahren und verstärkt im Zuge der Entschädigungsdebatten der 1990er-Jahre rückten die Schicksale der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zunehmend in das öffentliche Bewusstsein.
Seit 2022 dokumentiert der Arbeitskreis »Zwangsarbeit in Stuttgart« die ehemaligen Lager- und Arbeitsorte im Stadtgebiet.
Einen wichtigen aktuellen Forschungsbeitrag stellt die vom Stadtarchiv herausgegebene Dissertation des Historikers Kevin Schmidt Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939–1945 dar. Sie liefert neue Erkenntnisse über Umfang, Organisation und Bedeutung der Zwangsarbeit in der Landeshauptstadt und bildet eine wichtige Grundlage für die weitere erinnerungskulturelle Arbeit.
Noch bis Ende September sind im Schaufenster der ehemaligen Galeria Kaufhof in der Eberhardstraße Fotos von Orten zu sehen, die im Zweiten Weltkrieg mit Zwangsarbeit in Verbindung standen. Die Fotografien stammen von Andreas Langen und Kai Loges (arge lola). Die Ausstellung ist eine Kooperation der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur mit dem Arbeitskreis »Zwangsarbeit in Stuttgart«.