Sept 29, 2021

Der erste Teil des Namibia-Deutschland-Stipendiums mit drei namibischen Künstler*innen endet

Nesindano »Ques« Namises bei ihrer Performance »Aural Interventions«. Foto: Frank Kleinbach

Mit dem Sommerfest am 24. und 25. September 2021 fand der erste Teil des neuen Stipendienprogramms der Akademie Schloss Solitude, das den Austausch von Künstler*innen zwischen Namibia und Deutschland fördert, seinen Abschluss. Der zweite Teil beginnt mit Stipendienaufenthalten von Künstler*innen aus Deutschland in Namibia.  

Die Akademie Schloss Solitude etabliert ein neues Residenzprogramm, das sich dem langfristigen künstlerischen sowie kulturellen Austausch zwischen Namibia und Deutschland widmet. Das Programm wird im Rahmen der Namibia-Initiative des Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg organisiert und zielt darauf ab, einen gemeinschaftlichen Umgang mit der Geschichte der kolonialen Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland anzustoßen und neue künstlerische Narrative zu diesem Thema zu entwickeln. Der Akademie Schloss Solitude kommt hierbei eine besondere Rolle als Plattform zu, um eine neue Form des Austauschs zwischen den sehr diversen künstlerischen Positionen aus beiden Ländern zu initiieren, und als lernende Institution dem Wissen dieser Erfahrungen Rechnung zu tragen. Ziel ist es, mit dem neuen Stipendienprogramm aktuelle künstlerische Positionen aus Namibia und Deutschland in beiden Ländern zu zeigen und eine neue Art des gemeinsamen kulturpolitischen Dialogs herzustellen, der langfristig Bestand hat.

Nach mehreren intensiven Monaten endet der erste Teil des Programms mit den Stipendien der drei namibischen Künstler*innen Vitjitua Ndjiharine, Hage Nasheotwalwa Mukwendje und Nesindano »Ques« Namises.

Austausch mit lokalen Kunstschaffenden, Initiativen und Institutionen

Während ihres Aufenthalts in Stuttgart war es eine wichtige Aufgabe der Akademie Schloss Solitude, den Austausch zwischen den Stipendiat*innen und verschiedenen Institutionen, wie dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, dem Linden–Museum, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Filmakademie Baden-Württemberg, dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart, sowie dem Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe und dem StadtPalais – Museum für Stuttgart, durch gegenseitige Besuche zu unterstützen. Der Austausch mit Vereinen und Initiativen der freien Kunst– und Kulturszene Stuttgarts, darunter der Württembergische Kunstverein, Kunstverein Wagenhalle e.V., Chloroplast Stuttgart e.V. und die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, stand dabei insbesondere im Fokus.

Dialog mit Ministerin Theresia Bauer

Im Dialog mit der Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Theresia Bauer, diskutierten die Künstler*innen ihre im Zeitraum des Stipendiums entstandenen Arbeiten und berichteten von Herausforderungen, die ihnen in ihrer künstlerischen und aktivistischen Praxis immer wieder begegnen. Die entstandenen Arbeiten wurden geladenen Gästen im Rahmen von »Open Studios« präsentiert. Die Zugänglichkeit und Einsehbarkeit deutscher Sammlungen und Archive wurde als erschwert wahrgenommen. Die Historikerin und Kuratorin der Veranstaltungsreihe Memory Biwa dazu:

»Es wäre eine große Bereicherung, wenn wir mit allen deutschen Institutionen, die über koloniale Sammlungen und Archive verfügen, in einen kontinuierlichen und offenen Arbeitsdialog treten könnten. Auf diese Weise könnten wir gemeinsam angemessene Wege finden, auf ihre Archive und Sammlungen zuzugreifen und mit ihnen zu arbeiten. Und wir könnten selbst mehr darüber lernen, auf welche Art sie mit den Objekten umgehen, wie sie die Öffentlichkeit über die Bedeutung dieser heiligen Gegenstände aufklären und welche Kenntnisse aus dieser Arbeit entstanden sind.«

Erschwerter Zugang zu Archiven und neue Wissensplattform

Über den Zeitraum des Stipendienaufenthaltes wird deutlich, dass Archive und die Arbeit mit Archiven eine bedeutende und zentrale Rolle in künstlerischer und aktivistischer Arbeit einnehmen. Im Rahmen einer von der Akademie Schloss Solitude geschaffenen Plattform für Wissensaustausch, Ecosystems of Knowledge, haben sich die drei namibischen Stipendiat*innen gemeinsam mit anderen aktuellen Stipendiat*innen der Akademie Schloss Solitude intensiv mit der Bedeutung von Archiven in verschiedenen Kontexten auseinandergesetzt. Besonders die machtkritische Auseinandersetzung mit westlichen Archiven sowie die Abhängigkeit von Künstler*innen, denen der Zugang zur eigenen Geschichte auf diversen Ebenen erschwert wird, stand dabei immer wieder im Fokus. Das Ecosystems of Knowledge dient dazu miteinander und voneinander zu lernen. Dabei geht es um »gemeinschaftliches und gemeinsam geschaffenes Wissen«, so Elke aus dem Moore, Direktorin der Akademie Schloss Solitude.

Zweite Runde: Künstler*innen aus Deutschland in Namibia

Im Februar 2022 werden die nächsten drei Stipendiat*innen von Deutschland nach Windhoek reisen. Die Grafikdesignerin und bildende Künstlerin Corinne Nsimba-Lutonadio, die Künstlerin, Forscherin und DJ Banu Çiçek Tülü sowie die Künstlerin und Beraterin Miriam Chebaibai Koch werden für vier Monate in Namibia leben und arbeiten. Ebenfalls nächstes Jahr wird eine zweiteilige Veranstaltungsreihe stattfinden, die von der namibischen Historikerin und Künstlerin Memory Biwa kuratiert und sowohl an verschiedenen Orten in Namibia als auch in Stuttgart stattfinden werden.

SWR Beitrag und Ausstellung an der Akademie

Am 23. September sendete der SWR in seinem Kulturmagazin »Kunscht!« einen Beitrag zu Vitjitua Ndjiharine, Hage Nasheotwalwa Mukwendje, Nesindano »Ques« Namises und ihren Arbeiten. Dieser ist weiterhin in der Mediathek des SWR verfügbar unter folgendem Link: https://www.ardmediathek.de/video/namibische-stipendiat-innen-an-der-akademie-schloss-solitude/swrfernsehen/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE1MzU5OTM/.

Die in den letzten Monaten in Stuttgart entstandenen Werke der namibischen Künstler*innen wurden beim Sommerfest der Akademie Schloss Solitude am 24. und 25. September 2021 präsentiert und einige der Arbeiten sind darüber hinaus bis zum 14. November 2021 immer samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr in einer Ausstellung an der Akademie zu sehen.

 

Testimonials der Stipendiat*innen über ihre Zeit an der Akademie


Die bildende Künstlerin Vitjitua Ndjiharine über ihren Aufenthalt:

»Meine Zeit an der Akademie Schloss Solitude war voller interessanter und spannender Erfahrungen. Ich kam als Teil eines Austauschprogramms zwischen namibischen und deutschen Künstler*innen im Rahmen der ›Namibia-Initiative‹ hierher. Unser Fokus in dieser Initiative lag auf der Restitution oder der Reparation im Zusammenhang mit dem Erbe des deutschen Kolonialismus. Es war großartig, Teil des Solitude-Netzwerks zu sein und Künstler*innen aus verschiedenen Teilen der Welt zu treffen. Es war auch großartig, an einem Austausch mit einigen Kunst- und Kultureinrichtungen in und um Stuttgart teilzuhaben. Vor allem aber bin ich dankbar für die Möglichkeit, Teil dieser wichtigen Initiative zwischen Deutschland und Namibia gewesen zu sein. Gleichzeitig kann ich sagen, dass es noch viel zu tun gibt, um die Machtdynamik, die in diese Art von Austausch eingebettet ist, in Frage zu stellen. Als namibische Künstlerin, die innerhalb deutscher Archive und Institutionen arbeitet, glaube ich, dass es wichtig ist, auf die Tatsache hinzuweisen, dass unser Zugang immer begrenzt ist: auf ein bestimmtes Projekt, auf eine bestimmte Zeit und auf ein bestimmtes Budget. Daher fühlt sich der Austausch aus der Perspektive der Künstler*innen nie vollständig oder wirklich transformativ an. Aus diesem Austausch ergab sich die Konversation darüber, wie man diese Art von Programmen für die Künstler*innen und mit dem Input der ›betroffenen Communities‹ nachhaltig gestalten kann, und ich hoffe nur, dass diese Gespräche mehr und mehr in die Praxis umgesetzt werden. Ungeachtet gewisser Einschränkungen ist diese Art des Austauschs eine wirkliche Bereicherung für alle Beteiligten, und ich kann anderen namibischen Künstler*innen nur empfehlen, sich für diesen Aufenthalt zu bewerben.«

Der*die Poet*in Nesindano »Ques« Namises über seine*ihre Zeit an der Akademie:

»Meine Zeit hier hat mir viel Raum für kreative und persönliche Reflexion ermöglicht. Insbesondere über meine Arbeit als Künstler*in, Namibier*in und Person of Color. Initiativen wie die der Akademie Schloss Solitude spielen eine wichtige Rolle bei der Neudefinition des namibischen und deutschen Austauschs. Vielleicht wegen der ganz besonderen gemeinsamen Geschichte der beiden Länder, aber mehr noch wegen der Bedeutung der Gespräche über gemeinsame Geschichten und Verantwortlichkeiten im Rahmen der Dekolonisierung. Auch wenn meine Zeit an der Akademie neue Netzwerke und Perspektiven mit sich gebracht hat, ist es noch wichtiger, sich die Frage zu stellen: Wer sind die Gemeinschaften, die in größerem Umfang von solchen Initiativen profitieren können? Und welche Rolle spielen wir dabei, dies zu erleichtern? Als Institutionen, als Künstler*innen, als Individuen.«

Der bildende Künstler Hage Nasheotwalwa Mukwendje über seine Erfahrungen:

»Mein Aufenthalt an der Akademie Schloss Solitude als Maler half mir zu erkennen, dass der namibische und deutsche Austausch nicht nur ein Thema oder ein Gespräch ist, sondern dass meine Verantwortung als Künstler darin besteht, durch meine Arbeit Dinge sichtbar zu machen und alles miteinander zu verbinden. Während meines Aufenthaltes habe ich sehr viele verschiedene Künstler*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen getroffen. Durch die Gespräche habe ich viel mitgenommen, der Austausch war für mich eine Erfahrung des Lernens und Teilens. Dieses Wissen möchte ich durch mein künstlerisches Können nach Namibia zurückbringen. Und ich möchte mein Projekt fortsetzen, indem ich weiter in den Archiven recherchiere und mich auf Materialien wie Tonaufnahmen, Artikel und Fotografien fokussiere.«